Leitbild

Musikalische Bildung

 

Fragen und Antworten rund um das Leitbild des Zentrum für Musik, in Solothurn
Autorin: Isabella Steffen-Meister, Gründerin / Leiterin

Warum Musik für die Entwicklung des Kindes so wichtig ist:

„Am Anfang war das Ohr“ (A. Tomatis). Das Ohr ist als einziges Sinnesorgan bereits vor der Geburt voll ausgebildet. Etwa nach fünfeinhalb Monaten pränatalen Lebens ist das Ohr vollkommen funktionstüchtig und „verbindet“ als Empfangs- und Kommunikationsstation zwischen Mutter und Fötus. Das ist doch sehr interessant; mit allen anderen wichtigen Funktionen wird der Mensch in unreifem Zustand geboren.

Ich gehe davon aus, dass Musik und musikalische Bildung zum Mensch gehören, dass alle Menschen musikalisch sind, das heisst generell offen und empfänglich für Musik sind, und die musikalische Intelligenz genau so bedeutend ist, wie etwa die Sprachliche oder die Mathematische.¹
Musik und musikalische Erlebnisse lösen beim jungen Kind sprachliche Äusserung, motorische Aktivität und Freude aus und fördern gleichzeitig durch bewusstes Erleben und Gestalten jenes Denken, das sich auf Auditiv-Sinnenhaftes stützt, also zuerst einmal nicht sachbezogen und weder sichtbar noch greifbar ist. Diese sinnenhafte Stützung des Denkens ist einmalig, anspruchsvoll und vielleicht nur im musikalischen Erleben zu finden.
Ich plädiere für ein Menschenrecht auf musikalische Bildung, und zwar nicht mit der Begründung, sie mache intelligenter, sozialer, kreativer u. a. m., das sind wichtige Nebenerscheinungen; Musik hat ihren Sinn und Zweck in sich selbst.

 

Wie beeinflusst lebendiges Musizieren die Welt des Kindes?

Aus der Forschung wissen wir, je mehr, früher und facettenreicher das Kind musikalische Erfahrungen machen kann, desto intensiver und vielfältiger qualifizieren sich die jedem Menschen gegebenen musikalischen Anlagen (die unterschiedlich sind). Das Kind ist unheimlich lernwillig, interessiert, geradezu wissbegierig, wie später nie mehr, und das gilt es zu nutzen. Indem wir gezielte Erfahrungsgelegenheiten zum Forschen und Spielen schaffen, bereit halten und so die Eigenkräfte des Kindes mobilisieren und herausfordern, fördern wir musikalisches Lernen und können den Schritt vom unbewussten Erleben zum bewussten Handeln behutsam anregen und begleiten. Indem das Kind selbst handeln kann, kommt es zu tiefen Erlebnissen, auf die es seine Welt bauen wird. Qualität und Intensität solcher Musikerlebnisse liegen in der grossen Verantwortung der LernbegleiterInnen (Eltern, MusikpädagogInnen etc.)

 

Ab welchem Alter ist es sinnvoll mit musikalischer Unterweisung zu beginnen?

Der eigentliche Beginn der musikalischen Entwicklung bereits im Mutterleib zu finden. Grundlagen der Musik wie Rhythmus, Klangfarbe, Melodie, Dynamik und Form werden im Dialog zwischen Mutter und Kind schon pränatal wahrgenommen. Nach der Geburt werden vor allem die Mutter, der Vater und die BetreuerInnen mit ihrem Liedrepertoire, Versen und Spielen zum Liebkosen  und Necken die „musikalische Früherziehung“ übernehmen. Hier im „Zentrum für Musik“ in Solothurn bieten wir Musikkurse für Eltern mit Babies ab Geburt und Musikkurse für Eltern mit Kleinkindern bis zu 4 Jahren an. Da kann sich jede Mutter/jeder Vater auch ein Repertoire mit geeigneten Liedern, Versen, Bewegungsspielen und Anregungen zum Experimentieren mit der Stimme und mit einfachen Instrumenten aneignen und zusammen mit ihrem Baby oder Kleinkind singen und Musik erleben. Hier ist natürlich das Spiel Unterrichtsprinzip, denn das Spiel ist Leben für das Kind und auch die eigentliche Form des Lernens. „Nur aus dem Spieltrieb erwächst die Übung und aus ihr die Leistung“ (Carl Orff).

 

Kann ich mein Kind auch musikalisch fördern, wenn es völlig unbegabt ist?

Alle Menschen sind potenziell musikalisch, sind generell offen und empfänglich für Musik (siehe oben)! Wir müssen dringend unsere Konzepte ersetzen durch solche, die davon ausgehen, dass jeder Mensch musikalisch ist². Wie bereits oben schon gesagt, je mehr, früher und facettenreicher das Kind musikalische Erfahrungen machen kann, desto intensiver und vielfältiger qualifizieren sich die jedem Menschen gegebenen musikalischen Anlagen (die unterschiedlich sind).

 

Warum reicht es nicht aus, den Kindern nur Musik vom Band/Kassette/CD vorzuspielen?

Singen und Spielen bedeuten, sich emotional auszudrücken, und jede Mutter, jeder Vater sollte emotionale Hinwendung zum Kind lustvoll durch Singen ausdrücken können, und jedem Kind müsste doch der unersetzbare Gesang von Mutter und Vater vertraut sein. Aktives Live-Musizieren fasziniert das Kind und weckt sofort sein Spiel- und Experimentiertrieb; es will auch musikalisch produktiv sein und erlebt durch das eigene Tun Schwingungen (im doppelten Sinn des Wortes) unmittelbar. Es ist selbst Musik, erlebt und erkennt seine Produktionen und empfindet sich und seine Vertrauten als UrheberIn. Indem Eltern und LernbegleiterInnen das Kind liebevoll bei seiner musikalischen Eigenaktivität unterstützen und ermutigen, wird die wichtige Brücke zum dauerhaft anhaltenden lustvollen und engagierten Musizieren gelegt. Der Wunsch nach Unterweisung auf einem Instrument wird die natürliche und logische Folge sein.

 

Warum ist es wichtig und sinnvoll, ein Instrument zu erlernen?

Das Instrument ermöglicht uns einerseits, uns nach Lust und Laune in und mit Musik auszudrücken, und andererseits können wir ganz bewusst notierte oder mündlich überlieferte Musik immer wieder neu erklingen lassen. Besondere Befriedigung finden wir bekanntlich im Musikerleben beim Musizieren mit anderen Menschen, und das kann nur, wer ein Instrument spielen oder singen gelernt hat. Die Verbindung von kognitiven, handwerklich-praktischen, emotional-sinnenhaften und ästhetischen Komponenten ist einmalig und in dievielleicht nur in der Musik in dieser Art existent.

Musische Bildung gehört in die Kindergärten, ja eigentlich in die Mütter- und Väterberatung. Das Singen und Spielen von Instrumenten im Vorschulalter haben die nachhaltigste Wirkung auf die Bildung einer differenzierten Persönlichkeit. Nur eine solche ist im Stande, die komplexen und existentiellen Botschaften des Musiktheaters und der Kultur generell zu empfangen, ohne die unsere Zivilisation verdammt ist, in die Barbarei zurück zu fallen.”
Peter Konwitschny
Chefregisseur der Oper Leipzig

1  Mehr dazu bei H. Gardner: Abschied von IQ. Die Rahmen-Theorie der vielfachen Intelligenzen, Klett-Cotta,  und H. Jacoby: Jenseits von „Musikalisch“ und „Unmusikalisch“, Christians.
2 siehe A. Haefeli: Vom musikalischen Eros. Die Kunst, das Musiklehren lieben zu lernen, Nepomuk.